Deutscher Naturschutzring zu der PFAS-Konsultation
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) stehen wegen ihrer extremen Beständigkeit und möglichen Gesundheitsrisiken seit Jahren in der Kritik. Die Ewigkeitschemikalien sind wasser-, fett- und schmutzabweisend, bauen sich jedoch kaum ab und können Umwelt und Trinkwasser langfristig belasten. Studien deuten auf erhöhte Risiken etwa für Nieren- und Hodenkrebs, Leber- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schilddrüsenstörungen, verminderte Fruchtbarkeit sowie Komplikationen für Mütter und Neugeborene hin. Deshalb gab es 2023 einen Antrag auf das Verbot dieser synthetischen Industriechemikalien-Gruppen, der nun von den zuständigen Ausschüssen der ECHA bearbeitet wird.
SEAC: Breite Beschränkung mit gezielten Ausnahmen
Der Ausschuss für sozioökonomische Analyse (SEAC) legte im März einen Entwurf seiner Stellungnahme vor und stellte diesen für 60 Tage zur Konsultation. Anders als der Ausschuss für Risikobewertung (RAC), der Gefahren bewertet, untersucht der SEAC wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen sowie die Verfügbarkeit von Alternativen.
HEAL: 23.000 kontaminierte Standorte und potenziell 440 Milliarden Euro Kosten
Die Umwelt- und Gesundheitsorganisation HEAL unterstützte in ihrem Kommentar die vorläufigen Schlussfolgerungen des SEAC, dass wegen der gravierenden grenzüberschreitenden Verschmutzung durch hochpersistente PFAS-Chemikalien ein EU-weites Vorgehen notwendig ist. HEAL fordert, die Verwendung und Emissionen von PFAS so weit wie möglich zu minimieren. Ausnahmen von der PFAS-Beschränkung dürften allerhöchstens befristet genehmigt werden, sofern dies gründlich begründet ist, indem zum Beispiel eindeutig nachgewiesen wird, dass es derzeit keine Alternativen für die ausgenommenen Verwendungszwecke gibt. Die PFAS-Belastung sei in ganz Europa weit verbreitet: Es sind etwa 23.000 bekannte und mutmaßlich kontaminierte Standorte dokumentiert, und rund 12,5 Millionen Europäer:innen leben in Gemeinden, deren Trinkwasser mit PFAS belastet ist. PFAS seien damit ein erhebliches wirtschaftliches Problem, wie ein Bericht der EU-Kommissionaus dem Jahr 2026 zeigt. Demnach liegen die gesamtgesellschaftlichen Kosten, einschließlich Gesundheits- und Sanierungsausgaben, bis zum Jahr 2050 bei fast 440 Milliarden Euro, falls keine Maßnahmen zur Einschränkung der PFAS-Verwendung ergriffen werden. Diese Zahl berücksichtigt nur die Gesundheitskosten von bereits regulierten PFAS, was bedeutet, dass die tatsächlichen Gesundheitskosten der gesamten PFAS-Belastung wahrscheinlich noch höher sind. Laut Bericht dürfte ein vollständiger Ausstieg aus PFAS zu einem Rückgang der Gesundheitskosten von etwa 39,5 Milliarden Euro pro Jahr im Jahr 2024 auf rund 0,5 Milliarden Euro pro Jahr bis 2040 führen.
Nächste Schritte und Hintergrund zur PFAS-Beschränkung
Nach Prüfung der eingereichten Kommentare will der SEAC das finale Ergebnis der wissenschaftlichen Bewertung Ende 2026 veröffentlichen. Die EU-Kommission erarbeitet aus beiden Stellungnahmen wiederum einen Vorschlag zur PFAS-Beschränkung für den REACH-Ausschuss, der sich aus Vertreter:innen der EU-Mitgliedstaaten zusammensetzt. Der ursprüngliche Antrag, die aus rund 10.000 verschiedenen Stoffen bestehenden PFAS-Gruppen zu verbieten, wurde von fünf Behörden aus Dänemark, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden eingebracht. Der weitreichende Vorschlag für Beschränkungen hatte in einer ersten Konsultation zu tausenden Antworten geführt. Die Europäische Chemikalienagentur ECHA und die fünf Mitgliedsstaaten hatten im November 2024 eine Erklärung zu möglichen Ausnahmen abgegeben. Man suche nach Alternativen, Übergangsfristen und Ausnahmen von der Regulierung. Weil interessierte Gruppen mit unlauteren Methoden die Politikebene beeinflussten, forderte Corporate Europe Observancy eine „Lobby-Firewall”.
REACH wird nun doch nicht überarbeitet
Ende April hatte die EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall im EU-Parlament angekündigt, dass die eigentlich geplante Überarbeitung der EU-Chemikalienverordnung REACH, die seit 2007 in Kraft ist, nun doch nicht stattfinden soll. Stattdessen sollen statt des Gesetzes selbst nur die Anhänge verändert und vereinfacht sowie eine bessere Umsetzung bestehender Regelungen vorangetrieben werden. Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments kritisierte das Vorgehen im Mai. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Vereinfachungsagenda der EU-Kommission für mehr Wettbewerbsfähigkeit, die unter anderem auch schon zur Veröffentlichung des sogenannten Chemikalien-Omnibus geführt hatte. Umweltverbände hatten den Vereinfachungsvorschlag kritisiert, da er eher die Industrie als Umwelt und Gesundheit schütze.