EU-Forststrategie mit Handschrift der Forstindustrie
Im Mittelpunkt der neuen EU-Waldstrategie 2030 stehen der Schutz, die Wiederherstellung und nachhaltige Bewirtschaftung sowie die Gewährleistung der Multifunktionalität der Wälder in der Europäischen Union. Kurz nach der Vorstellung eines großen Teils des „Fit for 55“-Klimapakets im Juli hat die Europäische Kommission die vorher bereits angekündigte Mitteilung, Fragen und Antworten dazu sowie einen Fahrplan und eine Webseite für die Pflanzung von drei Milliarden Bäumen unter uneingeschränkter Achtung der ökologischen Grundsätze – „der richtige Baum am richtigen Ort für den richtigen Zweck“ - innerhalb der nächsten neun Jahre vorgelegt.
„Die Strategie enthält eine Vision und konkrete Maßnahmen zur Steigerung der Quantität und Qualität der Wälder in der EU und zur Stärkung ihres Schutzes, ihrer Wiederherstellung und ihrer Widerstandsfähigkeit. Die vorgeschlagenen Maßnahmen werden die Kohlenstoffbindung durch verbesserte Senken und Bestände erhöhen und so zur Eindämmung des Klimawandels beitragen“, so die EU-Kommission in ihrer öffentlichen Erklärung.
Außerdem verpflichtet sich die EU zum strengen Schutz von Primär- und Altwäldern. Geschädigte Wälder sollen wiederhergestellt werden und ihre nachhaltige Bewirtschaftung unter Wahrung der lebenswichtigen Ökosystemdienstleistungen von Wäldern gewährleistet werden. Zudem sollen die klima- und biodiversitätsfreundlichsten Methoden zur Waldbewirtschaftung mit der Nutzung von Holzbiomasse gefördert werden. Die „Unterstützung einer starken und nachhaltigen waldbasierten Bioökonomie“ soll Hand in Hand mit der Förderung der biodiversitäts- und klimafreundlichsten Waldbewirtschaftungsmethoden gehen. So fördere die Strategie laut der EU-Kommission „eine ressourcenschonende Holznutzung im Einklang mit dem Kaskadenprinzip“.
Darüber hinaus sieht die Strategie die Entwicklung von Zahlungsregelungen für EU-Bürger*innen vor, die Wald besitzen oder bewirtschaften sowie alternative Ökosystemdienstleistungen erbringen. Dies soll unter anderem aus der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und anderen Quellen finanziert werden. Mit einer neuen Verwaltungsstruktur soll sämtlichen Betroffenen ein „inklusiverer Raum“ geboten werden, „um über die Zukunft der Wälder in der EU zu diskutieren und diese wertvollen Ressourcen für die kommenden Generationen zu erhalten“. Überdies enthält die Waldstrategie eine Ankündigung für einen Legislativvorschlag zur Intensivierung der Überwachung, Berichterstattung und Datenerhebung zum Thema Wald innerhalb der EU.
Gemischte Reaktionen aus Umweltorganisationen
Gemischt fiel die Beurteilung seitens des European Environmental Bureaus (EEB) aus. „Gut: Schutz, Wiederherstellung und nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder verstärken – schlecht: Schwächung der gesetzlichen Instumente zu freiwilligen Maßnahmen, Einknicken unter dem Druck der Forstindustrie“ heißt es in einem Tweet des EEB. Der Umweltdachverband spielte damit auf die heftigen Reaktionen der Forstindustrie nach dem Durchsickern des Entwurfs der EU-Waldstrategie an.
Kritisch äußerte sich auch die Waldschutzorganisation FERN: „Wie können die EU-Mitgliedstaaten Länder wie Indonesien und Brasilien auffordern, die Abholzung zu stoppen, sich dann aber gegen die einfache Idee der Überwachung des Holzeinschlags in Europa wehren? Indem sie sich gegen die ursprüngliche Waldstrategie der Europäischen Kommission gestellt haben, haben die Agrarminister in ganz Europa gezeigt, dass sie den tragischen Zustand der europäischen Wälder leugnen.“ In Anbetracht der zu bewältigenden Herausforderungen nannte FERN die EU-Waldstrategie der Europäischen Kommission zwar „ermutigend, aber zu zaghaft“. Die EU brauche gesunde, vielfältige Waldökosysteme, um bis 2050 Kohlenstoffneutralität zu erreichen, erklärte FERN-Sprecherin Kelsey Perlman. Die Waldstrategie beinhalte zwar einige Schritte, um die Wälder besser zu überwachen und zu verwalten, „aber sie kann die gigantische Nachfrage nach Holz, die durch die Erneuerbare-Energien-Richtlinie und die ungebremste Förderung der Bioökonomie angetrieben wird, nicht adressieren“. Die Zerstörung sei bereits per Satellitenüberwachung sichtbar und die vorgeschlagenen Abhilfemaßnahmen dagegen zu zögerlich, so Perlman.
Die Befürchtung, dass unter dem Strich durch den Lobbydruck doch wieder „wirtschaftliche Gewinne über viele Klima-, Biodiversitäts- und soziale Überlegungen“ gehen werden, äußerte das Europabüro des World Wildlife Fund (WWF). Die im Entwurf noch enthaltene Reihe von verbindlichen Kriterien zur Beurteilung, ob ein Wald „nachhaltig bewirtschaftet“ ist, soll in der endgültigen Version nur noch auf freiwilliger Basis angewendet werden. Die Argumente für mehr Holzeinschlag und Ausbeutung seien aus sozio-ökonomischer Sicht „in vielerlei Hinsicht falsch“ - vor allem angesichts des schlechter werdenden Gesundheitszustandes und schwindender Fähigkeiten der Wälder in der gesamten EU, Treibhausgase zu binden und zu speichern, so der WWF.
Aktuell sind laut EU-Kommission 43,5 Prozent der Fläche der EU und damit knapp 182 Millionen Hektar von Wäldern und anderen bewaldeten Flächen bedeckt. Die Waldfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten durch natürliche Prozesse, Aufforstung, nachhaltige Bewirtschaftung und aktive Wiederherstellung zwar vergrößert, zugleich hat sich jedoch der Verlust an Baumbedeckung beschleunigt.
New EU Forest Strategy for 2030
Fragen und Antworten: Europäischer Grüner Deal: Neue EU-Waldstrategie für 2030
Factsheet – Natur und Wälder [u.a. LULUCF, Bioenergie/RED II/Forststrategie, engl.]
Factsheet – 3 Milliarden zusätzliche Bäume
Forest Strategy: encouraging but too timid to face up to the challenge
Reaktion WWF: EU Forest Strategy hampered by shortsighted interests