Fehlende Renaturierung ist sehr teuer

Treibe man die Umsetzung des EU-Renaturierungsgesetzes nicht voran, entstünden in den nächsten Jahrzehnten enorme Kosten, erklärten Forschende anlässlich der Präsentation des Kommentars. Herzstück des vielfach umstrittenen Renaturierungsgesetzes ist das Ziel, 20 Prozent der Flächen möglichst in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen. Würde diese Zielgröße in Bezug auf Europas Wälder, Moore, Agrarflächen, Flüsse oder Feuchtgebiete zumindest zu 90 Prozent erreicht, entstehen laut Berechnungen der EU-Kommission bis zum Jahr 2070 Kosten in der Höhe von etwa 154 Mrd. Euro. Diese große Zahl erscheint allerdings deutlich kleiner, wenn man sich vor Augen hält, dass die Schätzungen der Folgekosten des Unterlassens von Renaturierung im vorgesehenen Maßstab 1.860 Mrd. Euro betragen könnten. Eine möglichst funktionierende Umwelt schützt nämlich vor Schäden etwa durch Feuer oder Überschwemmungen, verringert die Gesundheitsausgaben und stabilisiert Ökosysteme und das wirtschaftliche System. Ein in funktionierende Ökosysteme investierter Euro zahle sich in etwa achtfach aus, zitieren Wissenschaftler:innen rund um den Erstautor des Papiers, Thomas Elmqvist von der Universität Stockholm, EU-Analysen. Der Direktor des Umweltprogrammes der EASAC verwies darauf, dass bis Ende des Sommers alle EU-Mitgliedsstaaten ihre Umsetzungspläne vorlegen müssen. Genau gesagt müssen die Mitgliedstaaten ihre Pläne zur Wiederherstellung der Natur bis zum 1. September 2026 vorlegen. Leider vernehme man vielfach etwa seitens NGOs, dass manche Staaten das Thema „nicht sehr ernst nehmen“ und sich mit ihren Plänen eher am unteren Rand der Vorgaben orientieren, meinte Elmqvist. Das sei angesichts des „katastrophalen Verlusts von ‚Naturkapital‘“ erstaunlich. Mittlerweile machen der Mensch und seine Nutztiere 95 Prozent der Landbiomasse auf dem Planeten aus, Mitte des 19. Jahrhunderts hielten Wildtiere noch einen Anteil von geschätzt 50 Prozent. Diese massive Schieflage müsse wieder etwas ausgeglichen werden. Leider wurde das Thema zuletzt vielerorts zum politischen Kampfbegriff hochstilisiert. Bei der Renaturierung handle es sich aber um ein „wichtiges Investment“. Es gehe nicht etwa um das Nachbauen von historischen Landschaften und ihren einstigen Funktionen, sondern darum, vielfältigeres Leben wieder zu ermöglichen.

Abfedern von Naturkatastrophen

Wer Natur ausbeutet, macht auf individueller Ebene viel Profit. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit. Renaturierung wiederum kostet dem Landeigentümer Geld, bringt aber der Allgemeinheit etwas. Hier müsse die Politik und Gesellschaft klug regulierend eingreifen. Wie genau, dafür gebe es leider kein Patentrezept, so der Wissenschaftler. Klar sei, dass der Umgang mit den Böden und die Landwirtschaft in Europa große Probleme mitverursachen: Man verliere nutzbare Erde, damit kommen Wasserspeicherkapazitäten und Speicherkapazitäten für CO2 und letztlich Biodiversität abhanden. Es brauche ein Umdenken in Richtung „präventive Renaturierung“, die auch Naturkatastrophen entgegenwirkt. Ohne geeignete natürliche Wasserspeicher werden beispielsweise bekanntlich Hochwasser verheerender. In der Diskussion müsse man daher mehr herausstreichen, dass es hier nicht um neue Regulierung, sondern um neue Möglichkeiten gehe. Die Rechnung dürften jedenfalls nicht nur Landbesitzer zahlen. Im Bemühen um gerechte Umsetzungsmodelle könne die Wissenschaft helfen.

Mit dem neuen Papier wollen die wissenschaftlichen Akademien aus 28 Ländern nun in den Dialog mit den jeweils zuständigen Minister:innen treten, hieß es. 

Greenpeace fordert Naturschutzoffensive von Regierung

Die Frist zur öffentlichen Beteiligung an der Umsetzung der Renaturierungsverordnung hat geendet. Greenpeace fordert in einer Stellungnahme dazu wirksamere Naturschutzgebiete sowie eine umfassende Begrünungsoffensive in Städten. Österreich braucht deutlich wirksamere Schutzgebiete: Obwohl fast ein Drittel der Landesfläche formell geschützt ist, wird dennoch weiterhin in diesen Gebieten gebaut, mitunter auch in Natura-2000-Gebieten. Streng geschützte Naturgebiete machen derzeit nur 2,5 Prozent der Landesfläche aus. Greenpeace fordert, mindestens zehn Prozent Österreichs unter strengen Schutz zu stellen und einen sofortigen Stopp von Bau-, Abbau- und Entnahmeprojekten (wie z.B. Steinbrüche) in und um Natura-2000-Gebieten sowie in allen weiteren Schutzgebietskategorien durchzusetzen. Versiegelung und Beton verschärfen Hitze, Überflutungsrisiken und Biodiversitätsverlust. Greenpeace fordert, dass bei der Umsetzung der Verordnung mindestens 30 Prozent in besiedelten Stadt- und Gemeindegebieten durch Baumkronen beschattet ist. Des Weiteren darf es keinen Nettoverlust an Grünflächen geben. Dabei muss jedes Stadtgebiet für sich gelten. Kompensationen dürfen nicht nur nach Quadratmetern berechnet werden, sondern müssen auch qualitativ gleichwertig oder besser sein und möglichst im unmittelbaren Umfeld liegen, damit sich Kühlung, Wasserrückhalt und Lebensqualität nicht maßgeblich verschlechtern.

Renaturierungsverordnung: Greenpeace fordert Naturschutzoffensive von Regierung

Fehlende Renaturierung sehr teuer