Studie verknüpft Entwicklungshilfe mit Rohstoffinteressen der EU und USA

Ein kürzlich von der OECD veröffentlichter Bericht zeigt, dass 26 OECD-Länder ihre Entwicklungshilfe im Jahr 2025 gekürzt haben. Die weltweit größte Entwicklungsagentur, USAID, wurde im Juli 2025 aufgelöst. Eine aktuelle Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) und des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) untersucht potenzielle Auswirkungen dieser Entwicklungen und hebt mögliche humanitäre, ökologische und geopolitische Folgen hervor, einschließlich neuer Risiken für globale Lieferketten. Die Analyse zeigt systematische Zusammenhänge zwischen offizieller Entwicklungshilfe (Official Development Assistance – ODA) und Handelsbeziehungen. Die Studie zeigt, dass ODA – einschließlich Hilfe, die ungebunden, humanitär oder anderweitig nicht mit Handel verbunden ist – offenbar mit geopolitischen Überlegungen und umfassenderen wirtschaftlichen Zielen von Geberländern wie den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union verknüpft ist. Die Studie basiert auf den neuesten verfügbaren OECD- und Handelsdaten und vergleicht Hilfsströme aus mehr als 1,7 Millionen Entwicklungsprojekten mit Handelsströmen zwischen 200 Ländern, was sie in ihrem Umfang beispiellos macht.

EU und USA setzen unterschiedliche Prioritäten bei der Mittelvergabe

Die Analyse zeigt deutliche Unterschiede in den Finanzierungsprioritäten der beiden größten Geberregionen – der EU und den USA – zwischen 2020 und 2022. Auf die Vereinigten Staaten entfielen über 80 % der globalen Hilfszusagen in den Bereichen Bevölkerungspolitik und reproduktive Gesundheit. Sie trugen außerdem ungefähr 50 % der weltweiten Finanzierung zur Stärkung von Regierungen und Zivilgesellschaft bei. Darüber hinaus waren mehrere Länder wie Ägypten, Indien und Bangladesch stark von US-Hilfe für den Ausbau ihrer Verkehrsinfrastruktur abhängig. Die EU konzentrierte sich dagegen stärker auf Bildung und soziale Infrastruktur. Über 60 % der weltweiten Finanzierung in diesen Bereichen wurden von EU-Ländern bereitgestellt, ebenso wie mehr als 50 % der Gesamtfinanzierung für Wasser- und Sanitärversorgung.

Vermeintlich unabhängige oder humanitäre Entwicklungshilfe scheint Handelsinteressen zu folgen

Während offizielle Entwicklungshilfe darauf abzielt, unabhängig und ohne ausdrückliche Bedingungen geleistet zu werden, zeigt die Analyse für den Zeitraum 2011–2022 anhaltende statistische Zusammenhänge zwischen humanitärer und umweltbezogener Entwicklungshilfe sowie den Rohstoffhandelsmustern der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Diese Muster gehen über Programme hinaus, die ausdrücklich als „Aid for Trade“ klassifiziert werden. Besonders starke Zusammenhänge zeigen sich zwischen biodiversitätsbezogener Hilfe und Importen bestimmter Rohstoffe und Agrarprodukte: darunter Kakao und Kakaoprodukte in die Vereinigten Staaten sowie Erze und Asche in die Europäische Union. Diese Produkte werden in der Fachliteratur häufig mit Umweltbelastungen wie Biodiversitätsverlust, Entwaldung und der Degradierung von Ökosystemen in Verbindung gebracht. Die beobachteten Korrelationen sind vergleichsweise hoch – die Werte lagen im Untersuchungszeitraum durchschnittlich bei 0,89 für Kakaoimporte in die USA sowie bei 0,86 für Erze und Asche in die EU (auf einer Skala von -1 bis 1). Ähnlich starke Zusammenhänge zeigen sich auch zwischen humanitärer Hilfe in Bereichen wie Gesundheit, Infrastruktur oder konfliktbezogener Unterstützung und dem Handel mit Edelsteinen, Metallen und anderen mineralischen Rohstoffen. Diese Ressourcen stammen häufig aus politisch fragilen oder konfliktbetroffenen Regionen, in denen Rohstoffförderung mit erheblichen ökologischen und sozialen Risiken verbunden sein kann. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass höhere Rohstoffimporte der Vereinigten Staaten und der EU systematisch mit höheren Niveaus an Entwicklungshilfe in bestimmten Sektoren der exportierenden Länder verbunden sind. Eine allgemeine positive Beziehung zwischen Handel und Entwicklungshilfe zeigt sich jedoch nicht durchgehend. Die beobachteten Muster stehen mit unterschiedlichen möglichen Interpretationen im Einklang, darunter überlappende geografische Prioritäten, koordinierte politische Strategien oder breitere geopolitische und wirtschaftliche Verflechtungen.

Zusammenhänge spiegeln bekannte SDG-Konflikte wider

Die Ergebnisse legen nahe, dass Entwicklungshilfe häufig in Kontexten vergeben wird, in denen unterschiedliche Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsziele miteinander verflochten sind. Dabei können Zielkonflikte zwischen wirtschaftlicher Entwicklung (z. B. SDG 8) oder Ernährungssicherheit (SDG 2) einerseits sowie ökologischer Nachhaltigkeit, Gesundheit und institutioneller Stabilität (z. B. SDGs 15, 3 und 16) andererseits sichtbar werden. Vor diesem Hintergrund könnten Hilfsströme teilweise mit Bemühungen zusammenfallen, ökologische, soziale oder institutionelle Folgen von Rohstoffgewinnung und wirtschaftlicher Aktivität abzufedern, auch wenn die Analyse selbst keine kausalen Zusammenhänge untersucht. Angesichts des Umfangs der beobachteten Zusammenhänge zwischen Handel und ODA könnten Veränderungen der Hilfsniveaus das Risiko bergen, diese Zielkonflikte zu verschärfen.

US-Rückzug aus Entwicklungshilfe und Fokus auf handelsgetriebene Kooperation verändern geopolitische Dynamiken

Jüngste Veränderungen im Umfang und in der Ausrichtung der Entwicklungshilfe der Vereinigten Staaten sowie Kürzungen durch andere große Geberländer wie Frankreich und Deutschland deuten auf einen grundlegenden Wandel internationaler Kooperationsmodelle hin. Mit der angekündigten US-Initiative „trade over aid“ zeichnet sich zudem eine stärkere Verlagerung hin zu privatwirtschaftlichen Investitionen und handelsorientierten Partnerschaften als Alternative zur klassischen Entwicklungszusammenarbeit ab. Solche investitions- und handelsgetriebenen Ansätze könnten jedoch mit ähnlichen Zielkonflikten zwischen den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDGs) verbunden sein, wie sie auch in den beobachteten Zusammenhängen zwischen Handel und Entwicklungshilfe sichtbar werden – insbesondere im Hinblick auf Umweltbelastungen, Gesundheitsrisiken und soziale Auswirkungen rohstoffintensiver Wirtschaftsaktivitäten. Ohne geeignete politische und institutionelle Rahmenbedingungen könnten damit weiterhin Risiken für globale Stabilität, Nachhaltigkeit und soziale Entwicklung verbunden bleiben. Die Autor:innen der Studie betonen daher die Bedeutung eines internationalen, kooperativen und für alle Beteiligten möglichst vorteilhaften Ansatzes zur Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Rohstoffsicherheit und nachhaltiger Entwicklung.

ASCII Pressemeldung, 2.6.2026