Wasserstoff und vernetzte Energiesysteme als Bausteine klimaneutraler Zukunft

16. Juli 20

Der DNR sieht in dem Vorstoß der EU-Kommission ein Aufbruchssignal, doch es dürfe nur mit Erneuerbaren erzeugter Wasserstoff gefördert werden. „Wasserstoff ist ein wichtiges fehlendes Puzzleteil, das uns hilft, diese weitergehende Dekarbonisierung zu erreichen,“ erklärte die zuständige EU-Energiekommissarin Kadri Simson bei der Präsentation der neuen Wasserstoffstrategie. Wasserstoff wird als ein potenzieller „Königsweg“ für die Treibhausgas-Emissionssenkung von Industriebranchen wie Stahl und Chemie angesehen. Diese gelten allgemein als „schwer zu dekarbonisieren“, da sie viel Wärmeenergie benötigen und nicht leicht elektrifiziert werden können.

Außerdem brauche Europa eine Energieeffizienzrevolution. Das forderte der DNR vergangene Woche, nachdem  die EU-Kommission ihre Wasserstoffstrategie sowie die Strategie zur Integration des Energiesystems präsentiert hatte. Gemäß den Plänen zur Förderung von Wasserstoff soll dieser vollständig auf erneuerbarer Elektrizität, beispielsweise aus Wind- und Sonnenenergie, basieren. Die Exekutive fügte jedoch hinzu, dass kurzfristig auch „CO2-armer“ Wasserstoff aus fossilen Brennstoffen unterstützt werden soll.

Mit der Strategie zur Integration des Energiesystems strebt die EU-Kommission an, Energieträger, Infrastrukturen und Sektoren – Industrie, Verkehr, Gebäude – enger miteinander zu verknüpfen, um die Energiewende kosteneffizienter zu machen.

Die Strategie fußt laut Kommission auf drei Säulen:

Erstens soll ein stärker „kreislauforientiertes“ Energiesystem etabliert werden, wo die Energieeffizienz im Zentrum steht. Großes Potenzial erkennt die Kommission in der Wiederverwendung von Abwärme aus Industrieanlagen, Rechenzentren oder anderen Quellen sowie in der Energiegewinnung aus Bioabfall oder Kläranlagen. Auch die „Renovierungswelle“, um Gebäude im Wärme- und Kältebereich effizienter zu machen, fällt darunter.

Zweitens sollen sogenannte Endverbrauchssektoren stärker direkt elektrifiziert werden. Da der Anteil erneuerbarer Energien im Stromsektor am höchsten ist, soll dieser Strom beispielsweise für Wärmepumpen in Gebäuden, Elektrofahrzeuge im Verkehr oder Elektroöfen in bestimmten Industriezweigen genutzt werden. Ein Netz von einer Million Ladestationen für Elektrofahrzeuge wird neben dem Ausbau der Solar- und Windkraft soll hinzukommen.

Drittens sollen in Sektoren, in denen eine Elektrifizierung schwierig ist, „sauberere Brennstoffe“, zum Beispiel grüner Wasserstoff aus erneuerbaren Energien, nachhaltige Biokraftstoffe und Biogas, genutzt werden. Die Kommission will dafür ein neues Klassifizierungs- und Zertifizierungssystem für erneuerbare und CO2-arme Brennstoffe vorschlagen.

Brüssel ist überzeugt: In einem integrierten Energiesystem kann Wasserstoff die Dekarbonisierung von Industrie, Verkehr, Stromerzeugung und Gebäuden in ganz Europa unterstützen. Insbesondere könne Wasserstoff Sektoren mit Energie versorgen, die nicht für die Elektrifizierung geeignet sind – etwa die energieintensive Stahl- und Zementindustrie, aber auch die Luftfahrt und der Schiffsverkehr – und als Energiespeicher dienen. Die Kommission betont auch, dass grüner Wasserstoff, der mit Wind- und Sonnenenergie erzeugt wird, Vorrang haben soll. Allerdings: „Kurz- und mittelfristig sind andere Formen CO2-armen Wasserstoffs erforderlich, um die Emissionen rasch zu senken und die Entwicklung eines tragfähigen Marktes zu unterstützen.“

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vermisst eine eindeutige Absage an fossile Quellen in der Wasserstoffstrategie und warnt, dass die Gaslobby die Umsetzung nicht diktieren dürfe. Ein ähnliches Bild ergibt sich auf europäischer Ebene: auch das Climate Action Network (CAN) Europe, das  European Environmental Bureau (EEB), Transport & Environment (T&E) oder der WWF warnen eindringlich davor, blauen Wasserstoff zu nutzen und damit einen Lock-In-Effekt zugunsten von fossilem Erdgas und der dazugehörigen Gasindustrie zu riskieren. Wasserstoff könne wohl eine Zukunftstechnologie für die Dekarbonisierung darstellen, aber nur, wenn er aus erneuerbaren Energien hergestellt wird.

Die EU-Kommission bittet um Vorschläge für Energieprojekte, die über den neuen Innovationsfonds der EU gefördert werden können. Im Rahmen dieses ersten Aufrufs steht eine Milliarde Euro zur Verfügung. Mit dem Geld soll die Technologieentwicklung unter anderem in den Bereichen erneuerbare Energien, Energiespeicherung sowie Kohlenstoffabscheidung und –speicherung (CCS) unterstützt werden. Anträge können bis zum 29. Oktober 2020 über das EU-Finanzierungs- und Ausschreibungsportal eingereicht werden.

Die Wasserstoffstrategie und die Strategie zur Integration des Energiesystems sind wichtige Bestandteile des europäischen Green Deal, welchen die EU-Kommission im Dezember des vergangenen Jahres präsentiert hatte (EU-News vom 12.12.2019). Der Green Deal ist der zentrale Plan, um Wirtschaft und Gesellschaft sozial gerecht, ökologisch nachhaltig, klimaneutral und resilient zu machen. Für die Umsetzung sollen der Ende Mai vorgestellte Wiederaufbauplan „Next Generation EU“ und der nächste Mehrjährige Finanzrahmen 2021-2027 dienen.

Die EU-Exekutive geht davon aus, dass sauberer Wasserstoff bis 2050 rund 24 Prozent des Weltenergiebedarfs decken könnte – mit einem jährlichen Umsatz in der Größenordnung von 630 Milliarden Euro. Für Europa könnte dies eine Million Arbeitsplätze in der Wasserstoff-Wertschöpfungskette bedeuten.

DNR Umweltnews

euractiv News