Zeitreise 2045: Wie der Circular Economy Act Europa krisenfest machte

Lange war Kreislaufwirtschaft in Brüssel vor allem als Recyclingpolitik diskutiert worden: Recyclingquoten, Märkte für Sekundärrohstoffe und die Qualität der Rezyklate. Doch Mitte der 2020er Jahre verschob sich die Debatte. Energiekrisen, unterbrochene Lieferketten und geopolitische Spannungen machten deutlich, wie abhängig Europas Wirtschaft von Rohstoffimporten geworden war. Gleichzeitig stieg der Materialbedarf durch die Elektrifizierung der Industrie und der Gebäude, E-Mobilität, Digitalisierung und den Ausbau erneuerbarer Energien rasant an. Die EU begann, ihre Wirtschaft als Ganzes resilienter aufzustellen – nicht nur ihre Abfallpolitik. Im Jahr 2045, zeigt sich diese Veränderung überall im Alltag. In einem ehemaligen Einkaufszentrum gibt es Sharing-Anbieter, Post-Fast-Fashion-Läden, Elektronikmärkte mit Reparaturwerkstätten, Betriebe, die gebrauchte Geräte aufbereiten, sowie kommunale Circular Hub. Dort werden Produkte gesammelt, sortiert, repariert und wieder in Umlauf gebracht. Finanziert wurde der Aufbau dieser Infrastruktur über die Reform der erweiterten Herstellerverantwortung. Europaweit sind Unternehmen mittlerweile Teil von kollektiven Organisationen für Herstellerverantwortung. Die Beiträge finanzieren nicht nur Recycling, sondern Wiederverwendung, Reparatur, Sammel- und Sortiersysteme sowie gemeinsame europäische Rücknahmestrukturen. In vielen Städten Europas entwickelten sich Reparatur- und Wiederaufbereitungszentren zu einem selbstverständlichen Teil der lokalen Infrastruktur. Da die Ökodesign-Regeln nicht mehr nur für einzelne Elektro- und Haushaltsgeräte, sondern schrittweise auch für Batterien, Fahrzeuge, Möbel oder Bauprodukte galt, änderte sich das Design einzelner Produkte. Es entstanden völlig neue Geschäftsmodelle und Märkte. Besonders zirkulär designte Produkte zahlen geringere Gebühren. Kurzlebige oder schwer reparierbare Produkte wurden dagegen teuer. Früher galt Bauschutt vor allem als Entsorgungsproblem. Heute wird er als strategischer Rohstoff in Brechsand verwandelt und zur Zementherstellung genutzt. Entscheidend dafür war, dass die EU öffentliche Beschaffung reformierte. Städte und öffentliche Auftraggeber müssen bei Infrastrukturprojekten inzwischen verbindliche Kriterien für zirkuläre Materialien berücksichtigen. Erst dadurch entstanden stabile Märkte für wiederverwendbare Baustoffe. Und erst dadurch lohnten sich Investitionen in neue Aufbereitungsanlagen, digitale Materialregister und grenzüberschreitende Lieferketten für Sekundärrohstoffe. Viele Unternehmen hatten Angst ihre bekannten Abläufe zu verändern. Doch der Bundesverband für Deutsche Industrie war bereits 2026 von der strategischen Notwendigkeit der Kreislaufwirtschaft überzeugt: Er warb mit einer Bruttowertschöpfung von 750 bis 920 Milliarden Euro bis 2045. Heute gehören zirkuläre Geschäftsmodelle zu den stabilsten Wachstumsfeldern Europas. Reparaturbetriebe, Refurbishment-Unternehmen, Materialbörsen und digitale Wartungsplattformen beschäftigen Millionen Menschen. Wie von der europäischen Umweltagentur erwartet, hatte die Umstellung zur zirkulären Wirtschaft EU-weit bereits in 2030 rund 700.000 neue Jobs geschaffen – zusätzlich zu den mehr als 4 Millionen zirkulären Arbeitsplätzen, die es 2018 schon gab. Nachdem die EU Kreislaufwirtschaft stärker in ihre „Taxonomie“ – das Regelwerk zur Einstufung nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten – und Förderprogramme integriert hatte, wurden zirkuläre Geschäftsmodelle deutlich leichter finanzierbar.

Circular Economy Act

Der Circular Economy Act hatte erstmals verbindliche europäische Ziele für den Primärressourcenverbrauch eingeführt. Nicht nur Emissionen, sondern auch Materialverbrauch wurden zur politischen Steuerungsgröße. Europa begann, Ressourcen nicht mehr als unbegrenzt verfügbare Grundlage billiger Produktion zu behandeln, sondern als strategische Grundlage wirtschaftlicher Resilienz. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen, Rohstoffknappheit und zunehmender Klimakrise wurde das entscheidend. Nachdem die EU strengere Sorgfaltspflichten umgesetzt hatte, verschwanden viele gesundheitsschädliche Produkte vom Markt. Plattformen haften dafür, dass Produkte registriert sind, Reparaturpflichten erfüllen und den europäischen Standards entsprechen. Rückblickend markierte der Circular Economy Act den Beginn eines europäischen Transformationsprojekts: weg von der Wegwerfgesellschaft - hin zu einer Wirtschaft, die Wertschöpfung aus Nutzung, Wiederverwendung, Reparatur und langfristigem Materialerhalt erzeugt. Denn die eigentliche Veränderung bestand nie darin, Müll besser zu recyceln. Sondern darin, Wirtschaft neu zu organisieren. Je stärker geopolitische Konflikte, Lieferkettenkrisen und Rohstoffkonkurrenz zunahmen, desto deutlicher wurde: Eine Wirtschaft, die Materialien möglichst lange im Umlauf hält, ist widerstandsfähiger. Kreislaufwirtschaft wurde damit vom Umweltprojekt zum Resilienzprojekt.

Im Herbst 2026 will die EU-Kommission ihren Vorschlag für den Circular Economy Act vorlegen. Noch aber folgt Europas Wirtschaftspolitik vor allem der Logik des Abfallmanagements: Recyclingquoten, Sekundärrohstoffe, effizientere Müllströme. Das klingt nach Fortschritt, bleibt im Kern aber dem linearen Modell verpflichtet, das Ressourcen verschwendet, Produkte verschleißt und am Ende entsorgt. Die EU kann ihren Kurs noch korrigieren. Mit einem mutigen Circular Economy Act würde sie den Übergang zu einer krisenfesten Kreislaufwirtschaft einleiten, der nicht am Ende der Wertschöpfungskette ansetzt, sondern am Anfang: beim geringeren Ressourcenverbrauch, bei langlebigem Design, bei Wiederverwendung und Reparatur. Eine Wirtschaft also, die Materialien möglichst schont und lange im Umlauf hält. Nur ein solcher Wandel wird diese politisch-utopische Einordnung greifbar machen und eine Ökonomie ermöglichen, die innerhalb planetarer Grenzen funktioniert.

Zeitreise 2045: Wie der Circular Economy Act Europa krisenfest machte